St. Romanus

Drei Gemeinden, zwei Landkreise, eine Pfarrei
St. Roman, eine ungewöhnliche Pfarrgemeinde

Ganz abgesehen von der idyllischen Lage des Wallfahrtsortes St. Roman, die immer wieder zahlreiche Besucher hierher führt, bietet die Pfarrei einige ungewöhnliche Daten. Die Pfarrkinder kommen aus den drei politischen Gemeinden Wolfach, Oberwolfach und Schenkenzell, wohnen in zwei Landkreisen, dem Ortenaukreis und dem Kreis Rottweil, und gehören dennoch einer selbstständigen Pfarrei an. Der abgelegene Pfarrort kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken: Erstmals erwähnt zwischen 1360 und 1370, dann noch einmal um 1470, war St. Roman Filiale der Pfarrei St. Laurentius in Wolfach. Im Jahre 1520 wurde St. Roman wieder eine eigene Pfarrei, um 20 Jahre später wieder Wolfach angegliedert zu werden. Um 1784 wurde die Pfarrei wieder errichtet und ein Jahr später das Pfarrhaus erbaut.

Fast 500 Jahre bestand das Patronat der Grafen bzw. Fürsten von Fürstenberg. Es begann im Jahre 1499 und endete 1966. Die gesellschaftlichen und strukturellen Wandlungen während der vergangenen 60 Jahre werden an wenigen Zahlen deutlich, wenn man die Jahre 1939 und 1997 vergleicht.

Im Jahre 1939 zählte die Pfarrei 210 katholische Einwohner, die ihren Lebensunterhalt fast ausschließlich als selbstständige Hofbauern oder Waldarbeiter verdienten. 74 Kinder besuchten die einklassige Hirtenschule.

Das kirchliche Leben wurde durch elf Vereine und Gemeinschaften, vom Bonifatiusverein bis zum Herz-Jesu-Liebeswerk, bereichert. Prozessionen wurden am Markustag, zwei in der Bittwoche, an Christi Himmelfahrt, Fronleichnam und am Hauptfest des heiligen Romanus am  9. August und am Sonntag danach gehalten.

1997 wohnten 184 Einwohner im Pfarrbezirk, die ihren Broterwerb meist in den Industriebetrieben der Umgebung finden. Nur noch wenige große Höfe sind Vollerwerbsbetriebe. Die Schule wurde im Jahre 1975 aufgelöst. Die Grundschüler besuchen die Schule in Halbmeil, Haupt- und Realschüler fahren nach Wolfach, die Gymnasiasten nach Hauach.

Im Rahmen der Seelsorgeeinheit "An Wolf und Kinzig" hält der Pfarrer regelmäßig Gottesdienst in St. Roman. Für Wortgottesdienste stehen vier Lektoren zur Verfügung. Zwar hat sich die Zahl der kirchlichen Vereine vermindert, aber Altenwerk, Club '71, Frauengemeinschaft und Männergesangverein befruchten mit ihren Aktivitäten auch den Ablauf des Kirchenjahres.

 

In harter Zeit erbaut
Die Wallfahrtskirche zum heiligen Romanus

Es muss ein seltsam anmutendes Bild gewesen sein, wenn die Kirchgänger des Jahres 1920 ihr kleines Kirchenschiff angeschaut und daneben den seit dem Jahre 1902 stehenden mächtigen Glockenturm gesehen haben. Nun, am l. Mai 1921 wurde der erste Spatenstich für ein neues, größeres Kirchenschiff getan.

Bis zum Spätherbst  des Jahres 1922 sollten die Bauarbeiten dauern. Am Pfingstmontag 1922 war der Grundstein gelegt worden. Die Kirchenbesucher hatten bis zur Vollendung eine schlimme Zeit hinter sich zu bringen, denn die Gottesdienste mussten in einem Kirchenraum ohne Boden, Bänke und Fenster gehalten werden. Der neue Fußboden wurde dann von Zimmermann Harter von Heubach gelegt, die neuen Bänke von den Schreinermeistern Jäckle in Schiltach und Jehle in Schenkenzell gefertigt. Zimmermeister Würth von Schapbach hat mit seinen fleißigen Mitarbeitern die Holzdecke im Chor und im Langhaus kunstvoll vollendet. Die Glasfenster entwarf Kunstmaler Schilling aus Freiburg. Es wurde natürlich ein großes Einweihungsfest gefeiert.

Fuhren um Gotteslohn

Der damalige Pfarrer Fellhauer gab die Gesamtkosten mit 600.000 Mark an. Das sei sehr billig gewesen. Um dies zu erläutern, muss gesagt werden, dass ein Pfund Äpfel im Oktober 1922 schon vier Mark kostete: Die Inflation begann zu galoppieren. Der Bau war nicht zuletzt deshalb so billig geworden, weil alle Materialien außer Kalk,  Zement und Backsteinen umsonst geliefert worden waren. Die Fuhren waren von den Hofbauern um Gotteslohn geleistet worden. Sehr oft hatten die Waldarbeiter ihre Kraft "nicht für Stundenlohn, sondern umsonst" zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise sind etwa 300 Kubikmeter Stein und 100 Kubikmeter Sand umsonst zur Höhe geschafft worden. Der Sandstein für den Kirchenbau wurde in der "Allmend" gebrochen, und man weiß heute noch in St. Roman zu erzählen, welch mühsames Geschäft es war, die Steine an den Fahrweg zu schaffen. Vornehmlich die "Christenlehre-Buben" waren damit befasst, und Pfarrer Fellhauer soll ihnen nicht selten eine Zigarre verehrt haben mit dem Bemerken: "Ihr dürft zwar noch nicht rauchen, aber wenn die Zigarre vom Pfarrer kommt, dann ist das etwas anderes!" Von den Männern, die in jenen zwanziger Jahren beim Kirchenbau mithalfen, lebt heute keiner mehr. Mit Hermann Dieterle (Gottfrieds) im Heubach ist der letzte von ihnen im Jahre 1992 gestorben.

Der Erzbischof kommt

Erst fünf Jahre nach der Fertigstellung wurde das Gotteshaus von Erzbischof Dr. Karl Fritz aus Freiburg konsekriert.

Die Einwohner hatten Kirchweg, Häuser und natürlich ganz besonders die Kirche für das große Fest geschmückt. Am Vorabend kam der Erzbischof per Auto beim "Adler" an, begrüßt von Geistlichkeit, Bürgermeister Heizmann und Gemeinde- und Stiftungsräten, Kriegerverein, Kirchenchor und vielen Pfarrkindern. Der Erzbischof hielt eine Ansprache und erteilte den bischöflichen Segen. Am darauffolgenden Festtag sang der Kirchenchor die "Missa ave verum corpus" von Huber, Pfarrer Fellhauer hielt die Festpredigt (in St. Roman amtierte inzwischen Pfarrer Rombach), und 30 Kinder wurden gefirmt.

Ohne Kanzel und Hochaltar

Inzwischen hat die Kirche Anfang der 70er Jahre erneut eine Renovation erfahren, bei der das Innere des Kirchenschiffs grundlegend geändert wurde. Die Trennung zwischen Chor und Schiff wurde beseitigt. Der Hochaltar und die Kanzel sind verschwunden und ein schlichter Holzaltar steht in der Kirche. Man hat die ältesten Bauelemente, darunter das aus spätgotischer Zeit stammende Sakramentshäuschen, in den Bau einbezogen, ebenso den Taufstein. Das Holzmaßwerk der Decke wurde in den Chorraum verlängert. Bei dieser Renovation hat so manches Herz geblutet, und das ist verständlich, wenn man weiß, wie viel die damals 70jährigen an diesem Gotteshaus gearbeitet haben.

Vielleicht war es aber vor 80 Jahren auch nicht anders, als die "Alten" sich des Kirchleins mit dem kleinen Türmlein vor der Jahrhundertwende erinnerten. Ihnen mag der neue große Glockenturm wie ein Zeichen der Großmannssucht zu Beginn des neuen Jahrhunderts vorgekommen sein, nicht ahnend, dass er später mit dem neuen Schiff so manches Kalenderblatt, so manche Zeitungsseite sogar in Übersee  zieren würde.

 

Heilige, Hofzeichen und hilfreiche Hände
Ein Besuch in der St. Romaner Wallfahrtskirche

Zuerst fällt wohl jedem Kirchenbesucher die ungewöhnliche Decke im Kirchenschiff auf: ein gotisches Maßwerk aus Holz grüßt von oben. Auf den Verbindungen befinden sich Tafeln mit den Hofzeichen. Diese Zeichen wurden früher in das Werkzeug eingebrannt, ebenso in die Holzstämme, die den Heubach hinunter geflößt wurden. Die Hofzeichen waren Eigentumsmerkmal. Als im Zuge der Anpassung an die neue Liturgie der Hochaltar aus dem Chor entfernt wurde, wurde die Holzdecke in den Chorbereich verlängert, und Waldarbeiter und Industriearbeiter erhielten auch Tafeln mit den Zeichen ihrer Berufe. Hinzu kommen noch Tafeln mit den Insignien des Leidens Christi.

Das gotische Sakramentshäuschen im Chor fand ebenfalls wieder zu seiner ursprünglichen Bestimmung: Der Tabernakel des früheren Hochaltars wurde eingebaut und eine schmiedeeiserne Gittertür angebracht.

Die Orgel wurde im Jahre 1981 unter Verwendung des alten Werkes von der Firma Winterhalter aus Oberharmersbach neu gebaut, was nur dank zahlreicher Spenden möglich war. Sie besitzt zwei Manuale und 13 Register.

Beachtenswert ist auch der Kreuzweg, den Prof. Dr. Norbert Martin und seine Frau Renate entworfen, gestaltet und in Ton gebrannt und der Pfarrei gestiftet haben. Eine Schrift hierzu, ebenfalls vom Ehepaar Martin verfasst, ist in der Kirche ausgelegt.

Wo sich früher die Kanzel befand, steht heute die Figur des Bruder Konrad von Parzham. Im Chor befinden sich Statuen von St. Romanus und der heiligen Barbara. Neben dem Seiteneingang  steht der von Pfeilen durchbohrte Sebastian, während von der Empore der heilige Wendelin grüßt, der in keiner Schwarzwaldkirche fehlt. Da der Romanus im südlichen Glasfenster eine mittelalterliche Rüstung trägt, entspricht er nicht der Legende, nach der er ein römischer Soldat im 3. Jahrhundert war, sondern soll wohl eher an die Errichtung der Pfarrei um 1400 erinnern. Im gleichen Fenster wird der Kriegstoten des ersten Weltkriegs gedacht, neun an der Zahl. Im Krieg 1870/71 hatte es noch einen Toten gegeben: Des Musketiers Oberföll wird rechts vom Kircheneingang auf einer Tafel gedacht. Blutige Ernte jedoch hielt der Tod im kleinen St.Roman im zweiten Weltkrieg: 22 Namen stehen auf der Gedenktafel an der Südseite der Kirche. Dort fand auch der Grabstein des "Fürst vom Teufelstein" einen Ehrenplatz. Das Försteroriginal hat Heinrich Hansjakob in seinem Band "Waldleute" beschrieben.

 

St. Roman, die Wallfahrt und Hansjakob
Romanus, Soldat des Friedens

Die Höhensiedlung St. Roman wird als Wallfahrts- und Ausflugsort viel besucht. Auch der Pfarrer und Volksschriftsteller Heinrich Hansjakob wanderte im Jahre 1896 vom Heubach über   den  Teufelstein  hier  herauf  und  freute  sich  über  den Anblick des "Kirchlein von St. Roman, umgeben von einem Waldmeer, auf grüner Oase, in welche der Staufenkopf malerisch hereinschaut".  Zu seiner Zeit kamen noch aus ganz Mittelbaden die Wallfahrer zu Fuß hinauf zu der kleinen Bergkirche.

Überliefert ist dazu der Spruch: "Suchst du einen Mann, wallfahr' zu St. Roman". Heinrich Hansjakob hat auch zwei Strophen des Sankt Romaner Wallfahrtsliedes aufgeschrieben und sich die Szenerie am Hauptfest des Heiligen ausgemalt: "Da wird dann eine Bergpredigt im Freien gehalten, und die Wallfahrer lagern in Gottes schöner Natur, die Tannenwälder ringsum bilden Spalier dazu, und die Menschen singen das alte, schöne Lied, das da anhebt:

Um Gnad' will ich anhalten,
0 heiliger Roman!
Laß deinen Schutz obwalten,
soll ich von hinnen gan.

Wollst meiner nicht vergessen,
Wenn Angst und Tod mich pressen,
Wenn Angst und Tod mich pressen,
0 heiliger Roman!"

Dass zusammen mit dem Patrozinium in St. Roman auch die Wolfacher Pfarrkirche das Fest ihres Schutzheiligen Laurentius feiert, hat seinen Grund in der engen Verbindung zwischen beiden Heiligen: Nach der überlieferten Legende war Romanus einer der Bewacher des heiligen Laurentius und wurde von diesem in der Nacht vor dem Martyrium zum christlichen Glauben bekehrt und starb ebenfalls den Märtyrertod.

Zu finden ist auch der Grabstein des "Josef Anton Fürst, Förster in Heubach" (1809-1893), den Hansjakob in seiner Erzählung "Der Fürst vom Teufelstein" verewigt hat. Und an dessen Grab sinnierte der Schriftsteller bei seinem Besuch im September 1896: "Er wollte in Wald begraben sein, der alte Jäger und Forstmann. Sein Wunsch ist erfüllt. Ringsum grüßen die Tannen seine Ruhestätte und der Ostwind trägt ihm am Abend die Grüße zu vom Teufelstein und vom Abrahamsbühl herüber. Und ich sagte mir, da ich vom Grab aus Rundschau hielt über Wald und Weide: Hier ist es schön, schön zum Leben, schön zum Sterben und schön zum Begrabensein..."

Für die "ecclesia sancti Romani" führen die geschichtlichen Nachrichten bis ins 14. Jahrhundert zurück. Damals waren die Geroldsecker  ihre Patronatsherren, wie auch die Höfe von St. Roman, im oberen Langenbach, im Übelbach, im Heubach  und auf dem Elmlisberg der geroldseckischen Grund- und Ortsherrschaft unterworfen waren und in ihre Herrschaft Romberg gehörten. Dies ist wahrscheinlich, da die Herren von Geroldseck die Sankt Romaner Kirche um das Jahr 1500 erbauen ließen, nachdem die Besiedlung auch die dortige Höhenlandschaft erfasst hatte. Der hl. Roman ist übrigens auch der Patron der Kirche von Schweighausen im Schuttertal, altem Geroldsecker Besitz. Womöglich wurde sein Patrozinium einst von dort hierher, ins obere Kinzigtal, übertragen, wo der Name des Kirchenheiligen dann sogar zum Ortsnamen wurde.

Mit dem Verkauf der Herrschaft Romberg durch Gangolf von Geroldseck an den Grafen Wolfgang von Fürstenberg kam im Jahre 1490 auch St. Roman an das Haus Fürstenberg und gehörte fortan (bis 1806) zu dessen Kinzigtäler Herrschaft. 1838, bei der Bildung der Gemeinde Kinzigtal, wurde St. Roman als Ortsteil in diese miteingegliedert.  Die Pfarrei hat bis heute ihre Selbstständigkeit bewahrt. Und wenn am 9. August das Patrozinium gefeiert wird, dann findet seit vielen Jahren auch die Trachtenkapelle Kinzigtal den Weg hinauf nach St. Roman, um die Prozession anzuführen.

 

Der Dreiwegestein

Symbolträchtig steht der "Dreiwegestein" in der St. Romaner Ortsmitte. Er trägt als Reliefs die Abbildungen Heinrich Hansjakobs, des Apostels Jakobus des Älteren und des Ortspatrons St. Romanus. Damit weist der Stein auf den Hansjakobweg hin, der Schauplätze aus den Büchern des Kinzitäler Pfarrerdichters verbindet. Er erinnert an die Jakobuswallfahrt und den Jakobusweg Loßburg-Schutterwald, an dem  St. Roman liegt. Initiator des Steins und des Jakobusweges war Heimatschriftsteller Kurt Klein aus Hausach.